Key takeaways zum Beginn
- KI wird in der österreichischen Erwachsenenbildung bereits breit genutzt, vor allem für Recherche, Zusammenfassung, Planung und Inhaltserstellung.
- Die größten Herausforderungen sind ethische Fragen, unklare Richtlinien und fehlende institutionelle Unterstützung.
- Schulungen müssen Technik, Pädagogik, Ethik und Regulierung gemeinsam behandeln.
- Die menschliche Dimension des Lernens bleibt zentral: Beziehung, Präsenz und pädagogisches Urteil können nicht durch KI ersetzt werden.
Der wichtigste Befund ist klar: Die Nutzung von KI entwickelt sich schneller als die Strukturen, Richtlinien und Kompetenzen, die wir für einen sicheren und verantwortungsvollen Einsatz brauchen. Das ist kein Grund zur Panik. Aber es ist ein deutlicher Auftrag an Bildungseinrichtungen, Erwachsenenbildner:innen und Entscheidungsträger:innen, jetzt gemeinsam Orientierung zu schaffen.
Für den Bericht haben wir die österreichische Ausgangslage aus mehreren Perspektiven betrachtet: durch Desk Research, eine Online-Umfrage mit 46 Teilnehmer:innen aus dem Feld der Erwachsenenbildung, darunter 29 aus Österreich, sowie 13 leitfadengestützte Interviews mit 16 Expert:innen. Die Ergebnisse geben ein gutes Bild davon, wo wir aktuell stehen und was es braucht, damit KI in der Erwachsenenbildung nicht nur ausprobiert, sondern sinnvoll, transparent und pädagogisch verantwortet eingesetzt wird.
KI wird bereits breit genutzt
In der Umfrage geben 67 Prozent der Befragten an, KI-Tools regelmäßig zu nutzen. Weitere 24 Prozent verwenden sie gelegentlich. In der österreichischen Teilgruppe liegt die Nutzung sogar bei insgesamt 86,2 Prozent, wenn regelmäßige und gelegentliche Nutzung zusammengerechnet werden. Besonders häufig kommen GPT-basierte Sprach- und Schreibassistenten zum Einsatz, gefolgt von Bild- und Videogenerierungstools sowie KI-gestützten Lernplattformen.
Viele Erwachsenenbildner:innen sind neugierig, pragmatisch und bereit, neue Werkzeuge in ihre Arbeit einzubauen. Gleichzeitig bleibt die Nutzung oft auf der Ebene der Effizienzsteigerung. KI hilft beim Schreiben, Kürzen, Strukturieren und Vorbereiten. Weniger häufig wird sie bisher direkt in Lernprozesse, neue Aufgabenformate oder didaktische Konzepte eingebunden.
Genau hier liegt eine große Chance. Wenn wir KI nur als Abkürzung für bestehende Arbeitsschritte verstehen, bleibt ihr Potenzial begrenzt. Wenn wir sie aber bewusst in Lernprozesse integrieren, können neue Formen des Fragens, Reflektierens, Übens und Zusammenarbeitens entstehen.
Die größte Hürde ist nicht die Technik
Ein besonders spannendes Ergebnis des Berichts, ist, dass die zentralen Herausforderungen nicht in erster Linie bei der Technik liegen. Nur 20 Prozent der Befragten nennen technische Barrieren als Problem. Deutlich häufiger genannt werden ethische Bedenken, unklare Richtlinien und fehlende institutionelle Unterstützung. Das bedeutet, dass sich viele Menschen nicht nur „Wie funktioniert dieses Tool?“ fragen, sondern vor allem: „Darf ich es verwenden?“, „Welche Daten darf ich eingeben?“, „Wie kennzeichne ich KI-generierte Inhalte?“, „Was bedeutet der EU AI Act für meine Arbeit?“ und „Welche Verantwortung trägt meine Organisation?“.
Gerade für Bildungseinrichtungen ist das entscheidend. Seit Februar 2025 gilt laut Bericht die KI-Kompetenzpflicht nach Art. 4 der EU-KI-Verordnung. Organisationen, die KI-Systeme beruflich einsetzen, müssen also sicherstellen, dass ihr Personal über ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz verfügt. Für die Erwachsenenbildung wird KI-Kompetenz damit nicht mehr nur zu einem interessanten Weiterbildungsthema, sondern zu einem Teil professioneller Verantwortung.
Richtlinien fehlen noch zu oft
Der Bericht zeigt auch, dass viele Einrichtungen noch keine klaren oder umfassenden KI-Richtlinien haben. Nur 22 Prozent der Befragten berichten von umfassenden Richtlinien an ihrer Einrichtung. Ein relevanter Teil hat keine Richtlinien oder weiß nicht, ob es welche gibt. Das ist problematisch, weil fehlende Orientierung oft zu zwei unerwünschten Entwicklungen führt: Entweder Menschen vermeiden KI aus Unsicherheit vollständig, oder sie nutzen Tools informell und ohne gemeinsamen Rahmen. Beides hilft der Erwachsenenbildung nicht weiter.
Wir brauchen deshalb praxistaugliche, verständliche und realistische Leitlinien. Nicht als starre Verbotskataloge, sondern als Unterstützung im Alltag. Gute Richtlinien sollten klären, welche Tools verwendet werden dürfen, wie mit personenbezogenen Daten umzugehen ist, wann Transparenz notwendig ist und wie pädagogische Verantwortung gewahrt bleibt.
Schulungen müssen mehr können als Tools erklären
Der Weiterbildungsbedarf ist laut Bericht mehrdimensional. Gefragt sind technische Fähigkeiten, aber ebenso Orientierung zu Regulierung, pädagogischer Integration und ethischem Einsatz. Genau das ist wichtig: Eine KI-Schulung, die nur zeigt, welcher Button was macht, greift zu kurz.
In den Interviews wurde deutlich, dass manche Schulungen sogar mehr Unsicherheit erzeugen, wenn sie vor allem Risiken aufzählen oder sehr schnelllebige Tool-Tipps vermitteln. Sinnvoller sind Formate, die an konkreten Arbeitsrealitäten ansetzen: kurze Online-Module, Live-Workshops, Microlearning, Blended Learning, Peer-Learning und Communities of Practice.
Besonders stark ist die Idee eines sicheren Experimentierraums. Erwachsenenbildner:innen brauchen Orte, an denen sie KI ausprobieren, Fragen stellen, Fehler machen und eigene Anwendungsfälle entwickeln können. Genau dort entsteht Kompetenz: nicht durch abstrakte Theorie allein, sondern durch begleitetes Tun, Austausch und Reflexion.
Der Mensch bleibt im Zentrum des Lernens
Bei aller Dynamik rund um KI ist einer der stärksten Befunde des Berichts sehr menschlich: Lernen bleibt Beziehungsarbeit. Die interviewten Expert:innen betonen immer wieder, dass Präsenz, pädagogisches Urteil, Vertrauen, Gruppendynamik und echtes Gegenüber durch KI nicht ersetzt werden können.
Das ist für uns zentral. KI kann entlasten. KI kann Routinen vereinfachen. KI kann Ideen liefern, Texte strukturieren oder Lernmaterialien vorbereiten. Aber sie ersetzt nicht das Gespür einer Lehrperson für eine Gruppe. Sie ersetzt nicht die Beziehung zwischen Lernenden und Erwachsenenbildner:innen. Und sie ersetzt nicht die Verantwortung, Lernprozesse sinnvoll, fair und inklusiv zu gestalten.
Deshalb geht es im Projekt AI Act(ing) in Adult Education nicht darum, KI möglichst schnell und überall einzusetzen. Es geht darum, Brücken zu bauen: zwischen dem EU AI Act und der Bildungspraxis, zwischen rechtlichen Anforderungen und pädagogischem Alltag, zwischen Innovation und Verantwortung.
Der nationale Vorbericht macht deutlich, wo diese Brücken besonders dringend gebraucht werden. Erwachsenenbildner:innen brauchen Orientierung, Institutionen brauchen klare Rahmenbedingungen, und die Bildungspolitik braucht praxisnahe Wege, um KI-Kompetenz in der Breite zu stärken.
Unser nächster Schritt ist es, diese Erkenntnisse in konkrete Projektoutputs zu übersetzen. Wir wollen Materialien und Formate entwickeln, die Erwachsenenbildner:innen und Einrichtungen dabei unterstützen, KI kompetent, kritisch und mit Blick auf das Wesentliche einzusetzen: gutes Lernen für Erwachsene.
Wir laden Erwachsenenbildner:innen, Bildungseinrichtungen und interessierte Partner ein, die weiteren Entwicklungen im Projekt AI Act(ing) in Adult Education zu verfolgen und gemeinsam mit uns an einem verantwortungsvollen Einsatz von KI in der Erwachsenenbildung zu arbeiten.